Erstaunlich kurz ist die Busfahrt zur Gedenkstätte des SS-Sonderlagers Hinzert. Für die meisten von uns liegt der Nationalsozialismus in historischer Ferne, die Verantwortung ist kaum bewusst. Umso erschreckender ist es zu realisieren, dass er uns geographisch so nah ist.

Im verschneiten Hunsrück verlassen wir unseren Bus und umgehend peitscht uns der eiskalte Schneeregen ins Gesicht.Hinzert 02 Es lässt nur erahnen, unter welch leidvollen Bedingungen die Menschen hier zusammengepfercht wurden, ganz besonders im Winter. Vor uns erstrecken sich Wälder und Ackerflächen. Vom ehemaligen KZ ist nichts mehr zu sehen, das Land, auf dem sich die Baracken befanden, ist nach der NS-Zeit wieder in Privatbesitz gelangt und wurde lange Zeit anderweitig genutzt. Erst viele Jahre nach der Befreiung des Lagers 1945 ist hier ein Ort Wider des Vergessens entstanden.

 

Heute befinden sich auf dem Areal eine kleine Kapelle, ein von einem ehemaligen Häftling entworfenes Mahnmal und ein nüchternen Friedhof, der irreführend als Ehrenfriedhof bezeichnet wird.

Hinzert 012005 eröffnete zudem das architektonisch außergewöhnliche Dokumentations- und Begegnungshaus. Beim Betreten des Gebäudes gerät man ins Staunen. Alles ist aus den Fugen geraten, die Wände, einschließlich der Decke, sind vollkommen schräg, ja selbst die Türen weisen keinen einzigen rechten Winkel auf. Ein gelungenes Sinnbild dafür, dass es an diesem Ort keinerlei Recht gab.

Zwei Frauen begrüßen uns und führen uns in die Geschichte des Konzentrationslagers ein. Insgesamt circa 10.000 männliche Häftlinge durchliefen bis zur Räumung das damit verhältnismäßig kleine Lager, die meisten von ihnen politische Gefangene. In der Dauerausstellung des Dokumentations- und Begegnungshauses werden die ergreifenden Leidenswege einzelner Häftlinge gezeigt, die oft kaum älter waren als wir. In Zeitzeugenvideos beschreiben viele von ihnen Hinzert als besonders schlimm, da das Lager wegen seiner Größe extrem überschaubar war und ein hohes Aufgebot an Wachmännern hatte. Diese Bedingungen machten jeglichen Rückzug der Inhaftierten unmöglich. Der Lageralltag war geprägt von Gebrüll und Prügel, ein jeder musste sich stets im Laufschritt bewegen. Statt ihres Namens erhielten die Insassen Häftlingsnummern, auf die sie bei Zuruf reagieren mussten. Ein brutaler Raub der eigenen Persönlichkeit und der menschlichen Würde. Das damit einhergehende seelische Leid sowie die Angst vor willkürlicher Gewalt, der unerträglichen Hunger und die harte Arbeit führte Teils sogar bis hin zum Tod. Denn obwohl das Konzentrationslagers nie als Vernichtungslager genutzt wurde, starben mindestens321 Häftlinge, viele davon an den Folgen der Misshandlungen, andere von ihnen wurden gezielt erschossen oder mit tödlichen Injektionen ermordet und danach in Massengräbern im Wald verscharrt.

Die Grausamkeit, die all das mit sich bringt, ist oft kaum greifbar und so verlässt man diesen historischen Ort mit einem mulmigen Gefühl und dennoch mit einer klaren Erkenntnis: Wir dürfen nie vergessen, was in unsere Geschichte geschehen ist! Stattdessen müssen wir jenem Grauen mit Menschlichkeit und Liebe entgegentreten.

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